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THEMA: 1. Mai
ORT: Berlin
ZEIT: 1. Mai 1977
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv / 4157 \

"Die Wahrheit" über den 1. Mai 1977 in Berlin

Die revolutionäre 1. Mai-Demo in Berlin steht kurz bevor. Sie startet um 18 Uhr am Oranienplatz in Kreuzberg. Getragen von einem autonomen und linksradikalem Spektrum wird sie auch in diesem Jahr quer gegen alle Verbote und Anmeldungsauflagen sich ihren eigenen Weg suchen.
Die 1. Mai-Demonstrationen vor 40 Jahren prägten ein ganz anderes Bild. Da dominierten diverse K- und sozialistische Gruppen das Demogeschehen. Von Thomas Kacza, Schriftsetzer und ehemaliges Mitglied der SEW, bekamen wir Fotos von der 1. Mai Demonstration 1977 in Neukölln. Sein Bericht gibt Eindrücke von der damaligen politischen Situation. Klaus Freudigmann, Mitbesetzer des Georg von Rauchhaus, orientierte sich damals eher an anderen kommunistischen Gruppen. Er beteiligte sich an der parallel stattfindenen Demonstration von GEW, Spontis sowie K-Gruppen in Charlottenburg. Auch von ihm ein persönlicher Rückblick auf die Vorläufer der heutigen revolutionären 1. Mai-Demonstration.



"1977 war ich als Schriftsetzer im Druckhaus Norden beschäftigt. Im Besitz einer Briefkastenfirma der SED, war ein wesentlicher Zweck des Unternehmens die Herstellung politischer Materialien für die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW), allem voran die Tageszeitung "Die Wahrheit". Im Druckhaus mit seinen seinerzeit rund 150 Beschäftigten existierte eine Fotogruppe mit eigenem Labor. Ich war Mitglied dieser Gruppe, die nach eigenen Vorstellungen arbeitete. Neben Streifzügen durch Westberlin auf der Suche nach Motiven, die mir unter sozialkritischem Blickwinkel interessant erschienen, begleitete ich zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen der SEW und ihrer Jugendorganisation mit meinem Fotoapparat - so auch die Mai-Demonstration 1977. Ich ging allerdings nicht als Pressefotograf mit der Absicht, zu dokumentieren, ans Werk, sondern bevorzugte "Motive am Rande des Geschehens".
Ein paar Bemerkungen zur politischen Situation in Westberlin 1977. Sie war krisenhaft zugespitzt durch Finanzskandale und Auseinandersetzungen um die berüchtigte "Westberliner SPD-Filzokratie". Der DGB als größte Arbeiterorganisation war angesichts von verstärkten Rationalisierungsmaßnahmen, Betriebsschließungen (in sieben Jahren verlor die Westberliner Industrie jeden vierten Arbeitsplatz), Stellenstreichungen im öffentlichen Dienst sowie stetig steigender Lebenshaltungskosten gefordert, seine Kampfkraft zu stärken und entsprechend einzusetzen. Maßgebliche DGB-Funktionäre sahen die Gewerkschaften indes eher als "Sozialpartner" denn als Organisationen zur aktiven Durchsetzung von Arbeiterinteressen. Der DGB-Landesbezirk Berlin (West), seit 1960 unter Leitung des Rechtssozialdemokraten Walter Sickert, hatte sich wie schon 1976 für eine geschlossene 1.-Mai-Veranstaltung im Saal entschieden. Die Gewerkschaftsspitze sah sich trotz diverser Abgrenzungsbeschlüsse durch Aktivitäten von moskautreuen Kommunisten und maoistischen "Chaoten" empfindlich gestört (Ausdruck dessen war z. B. 1976/77 der Ausschluss der "linksextremistisch unterwanderten" Lehrergewerkschaft GEW-Berlin aus dem DGB bzw. ihre Spaltung).

Gleichwohl der SEW mit ihren 1,8 Prozent der Stimmen zum Abgeordnetenhaus (1975) in der Westberliner Innenpolitik eine Randexistenz beschieden war (und bis zu ihrem kläglichen Ende 1990 beschieden blieb), bedingt durch ihren Charakter als zentralistische, bürokratische Satellitenpartei der SED, spielte sie dennoch eine aktive und zeitweilig einflussreiche Rolle im außerparlamentarischen und gewerkschaftlichen Bereich der "Inselstadt". Unter anderem fand ihr bündnispolitisches Agieren Ausdruck in der Bildung des "Mai-Komitees 77", das aufrief zu einer Demonstration durch Neukölln und Kreuzberg, Bezirke mit "sozial schwacher Struktur", hohem Arbeiter-, Ausländer- und Jugendanteil. Beteiligt waren Organisationen und Gruppierungen, linke Sozialdemokraten und "unabhängige Linke", die mit den politischen Forderungen der SEW übereinstimmten. Man muss wissen, dass seinerzeit das ultralinke Sektenwesen in Hochblüte stand. Sogenannte K-Gruppen (KPD, KB, KBW) in der Pose der "wahren Revolutionäre" riefen zum Boykott der Neuköllner Straßendemo auf; dort werde nicht für Arbeiterinteressen demonstriert, sondern "für revisionistische und sozialimperialistische Ziele". Sie veranstalteten parallel eigene Umzüge in Charlottenburg.
Die vom "Mai-Komitee 77" organisierte Demonstration mit ihren rund 15.000 Teilnehmern zeigte immerhin das Vorhandensein eines relativ breiten Umfeldes der SEW. Es muss aber auch hinzugefügt werden, dass, wenn es den von ihr erreichten Menschen politisch ernst wurde, sie dorthin gingen, wo sie ohne Gängelei und Bevormundung Einfluss auf Politik und Gesellschaft nehmen konnten, in die linksoppositionelle Alternativszene (Wahlen zum Abgeordnetenhaus 1981: SEW 0,6 Prozent; AL - Alternative Liste, gegründet Oktober 1978, später vereinigt mit den Grünen - 7,2 Prozent)." - Thomas Kacza -



"Preise weg von überall!"

Beim Anschauen der Bilder kommen mir altem Opa schwache Erinnerungen hoch ... an die vielen "korrekten Parolen", an die ernsthaft-langweilige Demonstration, weniger an die "Bündnisse" und Gegensätze usw.
Als kleinere Gruppe von alten und jungen "Spontis", also nicht (mehr)
Organisierten, haben wir einen kleinen Block gebildet und zum Leidwesen von Ernsthaften haben wir die "Parole" "Löhne rauf und Preise runter!" durch
kollektives Auf und Ab veranschaulicht. Mein pfiffiger Sohn Mao (10 Jahre) erfand die einzig revolutionäre Parole: "Preise weg von überall!",
die damals wie heute auf ihre Umsetzung wartet. - A. -

 

 



Fotos: Thomas Kacza
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Der 1. Mai der GEW Kundgebung und Demonstration 1977 in West-Berlin-Charlottenburg

"Im März1977 war ich als Fernmeldebetriebsmechaniker bei der Deutschen Reichsbahn in Westberlin beschäftigt. (Die deutsche Reichsbahn in Westberlin gehörte zur Reichsbahn der DDR und es galt das Arbeitsrecht der DDR.) Auf Betreiben der Staatssicherheit, die einen langen Arm hatte, auch nach Westberlin, wurde ich Ende des Monat entlassen. Die Stasi hatte uns einen Spitzel in die Gruppe gesetzt der mich denunziert hat. Wir haben als Gruppe "Oppositioneller Reichsbahner" zur Teilnahme an der 1. Mai Demo der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft um 10 Uhr in Charlottenburg und zum Mai- Bündnis der KPD am Nachmittag in Moabit aufgerufen.

Zum 1. Mai wurde von allen antirevisionistischen, kommunistischen Gruppen zur Teilnahme an der GEW Demonstration in Charlottenburg 10 Uhr am Clausener Platz aufgerufen. Eine Teilnahme an der Neuköllner Demonstration, die von der SEW organisiert wurde, kam nicht in Frage, denn uns klar, das die SEW soziale Demagogie betrieb. Persönlich hatte ich nichts gegen die einfachen Teilnehmer der Neuköllner Demonstration, denn sie waren noch im Glauben, die organisierende SEW (Sozialistische Einheitspartei Westberlin) wäre eine sozialistische Partei!

Am Nachmittag 15 Uhr gab es eine zweite Kundgebung und Demonstration in Moabit zu dem ein Bündnis aufgerufen hat, das von der studentischen KPD organisiert wurde, an der wir als Gruppe auch teilnahmen.

Selbstverständlich fand auch das 1. Maifest auf dem Mariannenplatz statt, dass ab 1972 von dem Georg von Rauchhaus Kollektiv organisiert wurde. Auch einige Mitstreiter vom Kollektiv unterstützten den KBW, die KPD und die KPD/ML und beteiligten sich an der GEW Demo.
Die SEW hatte keinen Einfluss im Kollektiv, denn wir verurteilten zum großen Teil die repressive Politik der SED und KPdSU, die spätestens nach dem Einmarsch von Sowjetischem Militär in Prag, deutlich geworden war. Trotzdem waren viele im Kollektiv sozialistisch und antikapitalistisch engagiert.
Noch deutlicher verurteilten wir den US-Imperialismus, den Vietnamkrieg und die Vasallentreue der kapitalistischen Bundesregierung. Als Tontechniker und Produzent von der Polit Rockband Ton Steine Scherben unterstützte ich auch mit meinen Kenntnissen die Demos der KPD und anderer Gruppen, denn es ging gemeinsam gegen Kapitalismus und Imperialismus. So passte ich gar nicht ins Bild mancher anarchistischer und spontan eingestellter Radikaler, die eine kritische Zusammenarbeit ablehnten. Denn es ging und geht immer noch, um eine von Ausbeutung und Unterdrückung befreite Gesellschaft! Auf dem Dach vom Georg von Rauchhaus wehte die schwarz rote Fahne und so haben wir im Haus politisch um den richtigen Weg gestritten, doch die Fäuste blieben im Kollektiv in der Tasche. Die spontane Studentenbewegung spielte ja 1977 keine Rolle mehr, sie hatte sich zerstritten und die meisten haben sich ihrer Karriere zugewandt.

Die Anti- Atom und Umweltbewegung war wichtig geworden, und so war ich in Wyhl in meinem Betriebsurlaub, mit einem Bahnkollegen, an der Bauplatzbesetzung des geplanten AKW beteiligt. Die Gründung der Alternativen Liste war in Vorbereitung, in der ich auch nach der Gründung Mitglied geworden bin. Es gab aber auch eine proletarisch geprägte Jungarbeiter und Lehrlings- Bewegung die gegen die vom DGB organisierte 1. Mai Demo allergisch war. Die hatten sich ja am 1. Mai 77, aus Angst vor Protesten gegen ihre Kapitalisten freundliche und antikommunistische Politik in den SFB -Sendesaal zurückgezogen.
Gegenwärtig beteilige mich u.a. an der Mieterbewegung gegen Zwangsräumungen und Mietwucher. An diesem 1. Mai werde ich morgens an der Demo für eine kämpferische Gewerkschaft teilnehmen und am Nachmittag zur Revolutionären 1. Mai Demo gehen – auch weil sie in diesem Jahr besonders den Befreiungskampf der kurdischen JPG/JPJ und des demokratischen Bündnis unterstützt gegen die völkerrechtswidrige Invasion Erdogans in Afrin." - Klaus Freudigmann -


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