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THEMA: Flüchtlingsbewegung
ORT: Berlin
ZEIT: 2. November 2016
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv / 3423 \

Bashir Zakaryau ist tot

Bashir Zakaryau, einer der führenden Köpfe der Refugeebewegung in Berlin, ist tot. Er hat dem Kampf der Geflüchteten auf dem Oranienplatz Gesicht und Stimme gegeben. Am Mittwoch den 26. Oktober 2016 starb Bashir an einem Herzleiden. Am 2. November wurde er auf dem Landschaftsfriedhof Gatow beigesetzt.

WIE GEHT´S? GUT?
Bashir Zakaryau, Flüchtling und Staatsmann ohne Staat, ist tot.

Ein Nachruf von Jenny Erpenbeck

In einer kleinen Wohnung in Berlin liegt ein mächtiger Mann auf dem Boden. Er ist mit Tüchern zugedeckt. Bashir Zakaryau ist tot.

Die Unruhen in Nigeria, bei denen sein Vater verbrannt wurde, hat er überlebt. Den Krieg in Libyen, bei dem auf offener Straße Jagd auf Schwarzafrikaner gemacht wurde, hat er überlebt. Bei der Kenterung des Boots, auf das er von Gaddafi-Leuten gezwungen wurde, ertrinken seine siebenjährige Tochter und sein fünfjähriger Sohn, die unter Deck waren. Bashir hält sich an einem Seil fest und überlebt den Tod seiner Kinder.

So kommt er nach Lampedusa, dann aufs italienische Festland. Es gibt keine Arbeit. Er kommt nach Deutschland. Dort gilt für ihn das Arbeitsverbot nach Dublin II. Bashir, der erst eine Schlosserei hatte in Nigeria, und später wieder eine in Libyen, weiß, was es heißt, nicht arbeiten zu dürfen. Nicht arbeiten zu dürfen heißt, nicht ankommen zu können. Heißt, in die eigene Erinnerung eingesperrt zu bleiben. Nicht arbeiten zu können heißt, die eigene Hoffnung zum Feind zu haben. Als afrikanische Flüchtlinge 2012 auf dem Berliner Oranienplatz ein Camp errichten, um gegen die europäische Asylpolitik zu protestieren, beginnt Bashir, für seine Leute zu sprechen.

Niemand, der ihn hat sprechen hören, wird ihn je vergessen. Er ist laut, er ist leidenschaftlich, er versteht, dass es großer Kraft bedarf, um Dinge in Bewegung zu setzen, aber dass Bewegung auch bedeutet, miteinander zu agieren und nicht gegeneinander. Er sieht, dass sich durch die Dublin-Verordnung die Fronten verhärten. Er ist eine gewaltige Erscheinung, aber er verabscheut Gewalt. „Ich kann kein Blut mehr sehen“, sagt er. Er will den Ausgleich, die Gleichberechtigung, will die Unsichtbaren, die aus dem öffentlichen Bewusstsein Verdrängten, sichtbar machen. Es gibt Demonstrationen, es gibt Meetings, Interviews. Der Senat aber will keinen Präzedenzfall. Bashir, Staatsmann ohne Staat, wird vom Berliner Innensenator kein einziges Mal empfangen.

Bashir überlebt, bereits schwer herzkrank, zwei Jahre im Zelt auf dem Oranienplatz. Zwei Sommer, zwei Winter. Für die jungen Männer, deren Väter erschlagen wurden, ist er ein Vater. Für die Schweigsamen, unter den Schrecken der Flucht Verstummten, ist er die Stimme. Einzelkämpfern bringt er bei, sich als Mitglied einer Gemeinschaft zu begreifen. Als der Senat schließlich eine sogenannte „Vereinbarung“ vorschlägt und den Männern vage Versprechungen macht, unterschreibt Bashir im Namen aller. Die eigene Hoffnung zum Feind zu haben, ist schwer.

Der Platz wird geräumt, die Gruppe auf Heime verteilt, plötzlich besteht sie aus lauter „Einzelfällen“, die geprüft werden sollen. „Wie geht´s? Gut?“ Bashir lacht. Bashir, der Hüne, trägt ein T-Shirt, auf das ist ein Gerippe gedruckt. So ein dickes Gerippe gab es noch nie. Bashir verwandelt jeden, den er umarmt, in ein Kind. Bashir erklärt mir die fünf Säulen des Islam und sagt: „Wer tötet, ist kein Muslim. Nicht einmal das kleinste Tier darfst du töten, denn es kann sein, dass auch so ein Tier zu Haus Kinder hat, die warten.“ Bashir organisiert für seine vom Hoffen erschöpften Leute gemeinnützige Arbeit. Wo auch immer der Schlosser irgendwo ein Geländer, ein Tor, ein Gitter sieht, sagt er: „This was my work. I can make this. This was my work.“ Das Infozelt am Oranienplatz, der alte Treffpunkt, wird zum dritten Mal von Unbekannten in Brand gesetzt. Wenn Bashir von seiner Mutter am Telefon gefragt wird, wie es ihm geht, sagt er: „Gut.“

Schließlich sind alle „Einzelfälle“ geprüft. Nur einige Schwerkranke, unter ihnen Bashir, bekommen eine Duldung und damit einen Heimplatz, alle anderen müssen gehen. Es ruft ihn der an, und der, und der. Bashir sagt: „It kills me. Ich bin im Heim und meine Brüder werden auf die Straße gesetzt.“ Bei einer Kontrolle in der nächtlichen Sperrzeit für Besucher findet der Heimbetreiber einen der obdachlos gewordenen Freunde von Bashir im Schrank versteckt, einen anderen unter dem Bett, einen dritten im Bad. Bashir muss das Heim verlassen. Aber wohin?

Wie durch ein Wunder fällt da ein Wohnungsangebot vom Himmel. Anderthalb Zimmer. Bashirs Habe beim Umzug: zwei Koffer und ein paar Säcke mit Sachen. Das Beatmungsgerät für die Nächte. Eine Plastiktüte mit Medikamenten. Ein Ordner mit Briefen von Ämtern.

Vor wenigen Wochen hat er zu mir gesagt: Ich hätte so gern noch einmal Kinder.

Jetzt liegt er zugedeckt in seiner Wohnung.

Fünf Menschen, die er in den letzten Monaten bei sich aufgenommen hat, darunter eine Frau mit zwei Kindern, sind jetzt wieder ohne Obdach. Eine politische Lösung für das, was einmal die „Gruppe vom Oranienplatz“ hieß, ist nach wie vor nicht in Sicht. Nur für Bashir ist jetzt die lange Schlacht, in der er für seine Leute gestritten hat, zuende. Hier in Berlin hat er das Überleben nicht überlebt. Aber es war nicht er, der aufgegeben hat, nur sein Herz." - Jenny Erpenbeck - (Quelle: Lampedusa Berlin)

Erpenbeck hat für ihren Roman „Gehen, ging, gegangen“ unter Flüchtlingen recherchiert. Zakaryau war Vorbild für eine der Hauptfiguren.

Wir sammeln für die medizinische Versorgung von Bashirs schwerkranker Mutter: Postbank Essen Kto.Inh. Jenny Erpenbeck
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Verwendungszweck:
Spende Bashir

 



Fotos: Oliver Feldhaus
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Bashir Zakaryau war innerhalb der Berliner Flüchtlingsbewegung nicht unumstritten. Sein Agieren bei der Räumung des Oranienplatzes, als er den Versprechen
des Senats Glauben schenkte und mit den Lampedusa Flüchtlingen
den Platz verließ, brachte ihm scharfe Kritik ein. Es führte zu einem nachhaltigen Zerwürfnis innerhalb der Bewegung. Doch trotz der Differenzen,
am Tag der Beisetzung erwiesen auch einige AktivistInnen, die zu den schärfsten Kritikern Bashir gehört hatten, Bashir die letzte Ehre und verabschiedeten ihn mit Respekt und Würde. Napuli Paul Langa, die bis zur Selbstaufgabe um das selbstorganisierte Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz gekämpft hatte,
rief an Bashirs Grab bewegt dazu auf, den gemeinsamen Kampf fortzusetzen.

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