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THEMA: Geflüchtete in Idomeni
ORT: Idomeni, Griechenland
ZEIT: Mai 2016
BILDMAPPE: Ablage im Bildarchiv/ 3423\

Was kommt nach Idomeni?

Am 24. Mai 2016 begannen griechische Polizei und Armee damit, die mehr als 10 000 verbleibenden Flüchtlinge in dem größten europäischen Flüchtlingscamp Idomeni im Norden Griechenlands in andere Siedlungen zu transportieren. Die Lage dort war katastrophal und den Menschen steht eine ungewisse Zukunft bevor. Unter den Flüchtlingen herrscht Ratlosigkeit, Frustration und Depression. Doch auch die Wut steigt. Erst in der Nacht vom 18. Mai kam es zu heftigen Ausschreitungen, als Flüchtlinge versuchten, mit einem Bahnwaggon als Rammbock die Grenze zu durchbrechen. Bald darauf wurden Stimmen laut, Idomeni zu schließen - doch eine Umsiedlung des Flüchtlingscamps war schon lange geplant. Fotos und ein Bericht von Nicholas Ganz

Idomeni ist ein kleines, verschlafenes Dorf an der mazedonischen Grenze, eine knappe Autostunde von Griechenlands zweitgrößter Stadt Thessaloniki entfernt. Es lebten 2011 noch knapp 300 Menschen in dem Ort und seit 2014 sind die Zahlen radikal angestiegen, als sich Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa in dem an den Bahnschienen angesiedelten Zeltlager einfanden. Die ursprünglich für knapp 2 000 Menschen angelegten Zelte platzten bald aus allen Nähten und mittlerweile hat sich ein großes Dorf aus Campingzelten gebildet. Es lebten hier zeitweise bis zu 15 000 Flüchtlinge aus allen Teilen der Erde, vor allem aber aus Syrien, Afghanistan aber auch dem Irak, Bangladesch, der indischen Kaschmir Provinz, Marokko oder Kurdistan. Erst im Februar 2016 verstärkten mazedonische Soldaten den bereits im November errichteten Grenzzaun, um weitere Flüchtlingsströme in das eigene Land und nach Europa zu verhindern. Die Menschen in Idomeni sitzen seitdem fest. Es gab zwar einige Versuche, die Grenze illegal zu überqueren, um auf verschlungenen Pfaden nach Europa zu gelangen, aber die Flüchtlinge wurden meist von mazedonischen Soldaten verhaftet und wieder nach Griechenland deportiert.

"Wieso hat Deutschland die Grenze geschlossen?" ist eine der meist gehörten Fragen, wenn ich den Flüchtlingen mitteile, daß ich aus Deutschland komme. Viele von ihnen sind von Deutschland und vor allem von den europäischen Politikern enttäuscht. Insgeheim vermuten sie, daß die deutsche Regierung Mazedonien gezwungen hat, ihre Grenzen zu schließen. Sie fühlen sich vergessen. Ihre Lage ist verständlich. Sie sind gestrandet im Nirgendwo und ihre Zukunft ist ungewiß. Manche von ihnen harren nun seit mehreren Monaten in Idomeni aus. "Als wir Syrien verließen, waren die Grenzen noch offen und wir haben uns Hoffnung gemacht, nach Europa zu kommen und hier ein friedliches Leben zu beginnen.", berichtet Wissam Alwaked (30), ein ehemaliger Lehrer aus Damaskus. "Aber als wir hier in Griechenland nach einer beschwerlichen Reise ankamen, waren die Grenzen geschlossen und wir können nicht mehr zurück. Wir haben alles verloren und unser Haus wurde von Assads Bomben zerstört."

Wie Wissam geht es vielen der Flüchtlinge in Idomeni. Sie haben durch den Krieg in ihrer Heimat nicht nur ihre Vergangenheit, sondern durch die politische Planlosigkeit in der EU im Umgang mit den Flüchtlingen auch ihre Zukunft verloren. Am 04. Mai beschlossen die griechischen Behörden, das eigentlich illegale Lager zu räumen und auch die Bahngleise wieder frei zu bekommen, die für den Export eine wichtige Rolle spielen. Am darauffolgenden Tag kam es zu Ausschreitungen, als die Polizei einige Zelte von den Gleisen räumen wollte. Doch es sind nur wenige von den Bahnschienen gewichen. Die Behausungen haben sich dennoch merklich gelichtet, aber der Bahnhof ist weiterhin noch mit Zelten belegt und die Räumlichkeiten werden von Flüchtlingen bewohnt. Die Proteste dauern weiterhin an und finden fast täglich statt. Vor ein paar Tagen ist dann die Frustration in den wohl heftigsten Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und der griechischen Polizei eskaliert. Es flogen Steine und die Beamten setzten Tränengas ein.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat seit einiger Zeit damit begonnen, die Menschen in Camps umzusiedeln, die vom Militär kontrolliert werden. Viele weigern sich jedoch. Der 25 jährige Hussam aus Syrien hat kein Interesse in ein solches Militärcamp umzusiedeln. "Wieso sollte ich das machen? Hier ist es sehr offen und dort ist alles mit einem Zaun umgeben. Die Situation dort soll noch viel schlimmer sein als hier, habe ich gehört." Die Gerüchteküche brodelt natürlich in einem Ort wie Idomeni und auch Wissam Alwaked ist skeptisch den Militärcamps gegenüber: "Es gibt dort kaum etwas zu essen und hier in Idomeni werden wir jeden Tag gut versorgt. Auch wenn die Lage hier schlecht ist, geht es uns hier sicher viel besser als in den anderen Camps. Ich habe viele Leute getroffen, die von den anderen Camps geflohen sind und wieder hierhin zurück gekommen sind."

Laut der Schutzbeauftragten des UNHCR Elodie Lemal ist die Versorgung der Flüchtlinge in den Militärcamps gesichert. Es sind dort internationale Hilfsorganisationen tätig, die für die Verteilung von Lebensmitteln und für die Gesundheitsversorgung zuständig sind. Sie unterstreicht: "Es ist notwendig, die Flüchtlinge in die anderen Camps zu transportieren. Es sind hier mittlerweile 32 Grad und die Zustände sind miserabel. Und wir haben gerade einmal Mai. Wie soll es nächsten Monat aussehen, wenn es noch wärmer werden wird?" Am 12. Mai beschwerten sich im UNHCR Büro von Thessaloniki bereits fünf Flüchtlinge aus dem Ende April angelegten offiziellen Lagkadikia Camp über die mangelnden Zugänge zum Asylverfahren und die fehlenden besseren Lebensumstände, die ihnen von den UNHCR Mitarbeitern versprochen wurden. Ein Besuch des offiziellen Flüchtlingscamps Nea Kavala in der Nähe von Idomeni wurde mir vom Militär verweigert, so daß es mir unmöglich war, mich vor Ort über die dortigen Zustände selbst zu überzeugen. Es gibt jedoch viele Aussagen, daß die Lebensumstände in den vom Militär kontrollierten Camps unhaltbar seien und sogar schlimmer als in Idomeni. Es häufen sich die Berichte, daß das Antragssystem für Asylsuchende oft nur schlecht funktioniert. Um einer drohenden Abschiebung in die Türkei zu entgehen, hat die griechische Regierung seit Mitte Mai damit begonnen, die Asylberechtigten vorab zu registrieren. Die wirklichen Asylanträge werden wahrscheinlich noch viel länger dauern. Bis dahin heißt es für die mehr als 54 000 Flüchtlinge, die sich derzeit in Griechenland aufhalten, weiterhin zu warten und ... zu warten.

Die Flüchtlinge werden alleine gelassen in ihrer Not, der sie eigentlich entfliehen wollten. Wegen politischer Rangeleien und bürokratischer Hindernisse fühlen sie sich im Stich gelassen. Ihre Zukunft ist ungewiß und niemand kann ihnen sagen, was als Nächstes kommen wird. Dabei könnte alles so einfach sein, wie Wissam zielsicher sagt: "Es sind doch nur 50 000 Flüchtlinge in Griechenland gestrandet. Europa ist groß und hat 28 Mitgliedsstaaten. Griechenland selbst ist wirtschaftlich arm und kann die ganzen Menschen nicht versorgen. Wieso verteilt die EU die Flüchtlinge nicht gleichmäßig auf alle Mitgliedsstaaten? Damit hätten wir eine Basis, um ein menschenwürdiges Leben zu beginnen und das Problem der Flüchtlinge wäre erst einmal gelöst."
- Nicholas Ganz
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Fotos und Bericht: Nicholas Ganz
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